Wie Hunderte von Fremden mir halfen, meine Bachelorarbeit zu schreiben

Ich wünschte, ich hätte den Mut dazu gehabt. Anfang dieses Jahres reichte ich meine Bachelorarbeit ein und bekam sie mit der Bestnote zurück. Was für ein Erfolg für einen Prokrastinator wie mich! Leider liess ich in meiner Danksagung einige der wichtigsten Mitwirkenden an meinem Erfolg aus: Meine virtuellen Co-Workers bei Focusmate.

Focusmate funktioniert so: Du buchst Zeitfenster von 25, 50 oder 70 Minuten in einem virtuellen Kalender, um Dinge zu erledigen. Dann wirst du mit jemandem in einem Videoanruf verbunden. Man sagt Hallo, erzählt, was seine Ziele für die kommende Session sind, und fängt dann an, schweigend nebeneinander zu arbeiten. Am Ende jeder Session berichten beide, wie die Session lief, vielleicht noch ein bisschen Smalltalk oder auch nicht, dann eine Verabschiedung: “Thank you for working with me.”

Ein Gefühl von Verantwortlichkeit

Das ist simpel, aber unglaublich effektiv. Obwohl es während des Grossteil der Session keine Interaktionen gibt, wirkt es Wunder für die Konzentration, einfach neben jemandem zu arbeiten. Seine Ziele einem Gegenüber auszusprechen schafft ein Gefühl von Verbindlichkeit und verringert die Wahrscheinlichkeit von Prokrastination, Ablenkung und zerstreuter Aufmerksamkeit drastisch.

Focusmate eignet sich am besten für Leute, die Remote oder alleine arbeiten – wie zum Beispiel für eine Abschlussarbeit. Wie viele meldete ich mich an, weil ich ein konkretes Projekt hatte, bei dem ich unbedingt Fortschritte machen musste und mir absolut nicht zutraute, gewissenhaft genug daran zu arbeiten. Ich begann, hier und da Sessions zu buchen, und es funktionierte so gut, dass ich bald ganze Tage mit Focusmate-Stunden füllte.

Das war grossartig für meine Produktivität, hatte aber auch schöne unerwartete Nebeneffekte. Tage, an denen ich mich einigelte, um an meiner Thesis zu arbeiten, waren bis dahin sehr einsam und ohne menschliche Interaktion. Mit Focusmate bist du irgendwie immer mit Leuten zusammen, aber nicht auf eine sozial ermüdende Weise.

Ich hatte viele, viele kurze, nette, ermutigende Interaktionen mit Menschen aus aller Welt und bekam einen Einblick in ihr (Arbeits-)Leben, was sie machten, was ihre Ziele waren. Es ist so inspirierend zu sehen, wie Menschen hart für ihre Ziele arbeiten – das löste bei mir die Motivation aus, meine eigenen Ziele ebenfalls ernst zu nehmen. Und dann ist da die Kameradschaft im Kampf gegen die Aufschieberitis: Wir sitzen alle im selben Boot, und wir werden es gemeinsam überwinden.

Darf ich vorstellen? Einige meiner Focusmates

Manche Leute begegnest du nur einmal, mit manchen arbeitest du ab und zu. Mit manchen sind die Interaktionen sehr kurz, mit manchen hast du kleine Plaudereien, besonders wenn du merkst, dass ihr Gemeinsamkeiten habt. Und mit manchen wirst du vertraut und ihr informiert euch gegenseitig über den Fortschritt eurer Projekte. Stand jetzt hatte ich fast 400 Sessions mit über 200 verschiedenen Menschen1. Ich stelle hier einige Focusmates vor (Namen geändert.)

Da ist Ali aus den Emiraten, ein Medizinstudent, der mit digitalen Karteikarten lernt, dabei vorwärts und zurück geht, um in Bewegung zu bleiben, und einen winzigen Bluetooth-Game-Controller benutzt, um seine Antworten einzugeben. Wir bemerkten, dass wir das gleiche Stehpult haben.

Oder Roald, der Bühnendarsteller aus London, der seine One-Man-Show probte, eine biographisch informierte Shakespeare’sche Tragikomödie über vier Menschen im Gefängnis in den Achtzigern.

Oder Ivan, der das Buch The Mind Illuminated (Deutsch: Handbuch Meditation) über Meditation empfiehlt (das sich als sehr einflussreich für mich herausstellt), über 10 Stufen der Erleuchtung. Die späten Stufen handeln davon, das Ego zu verlieren, “was Leute, die meditieren, manchmal mögen – aber ich will das nicht, also empfehle ich, bei Kapitel 5 oder 6 aufzuhören.”

Oder William, der Vater, der eine 5-Uhr-Session buchte, bevor seine Kinder aufwachen, um 50 Minuten lang das 10-Finger-System zu üben.

Ich hatte auch ein paar regelmässige Kollaborateur:innen wie Kyra, die ihre sehr frühen Morgenstunden nutzte, um Aussprache zu üben. Ben, ein effektiver Altruist, der viele Tipps und Apps mit mir teilte und meist gerade rechtzeitig zu den Morgensessions auftauchte, Haare noch tropfend von der Dusche. Kiona, der es schaffte, die epische Wheel of Time-Reihe zu beenden, was ich nie konnte – wir empfehlen uns gegenseitig Bücher. Oder Ivana, eine Kunsttherapeutin, die mit mir das Interesse an Psychologie teilt.

Ich möchte mein Versäumnis wiedergutmachen und dies zu einem offiziellen Nachtrag zur Danksagung meiner Thesis machen: Danke all meinen Focusmates für all diese Stunden produktiver Zusammenarbeit, für Worte der Ermutigung und Gesellschaft in einer stressigen Zeit danken.

Footnotes

  1. Im Januar 2025 waren es bereits mehr als 1000 Sessions