Meine liebste psychologische Theorie
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Dieser Text entstand aus einem Titel-Tausch mit Ava auf meinem englischsprachigen Blog; sie schlug das Thema vor, ich schrieb darüber.
Die Familie Berger durchlebt eine schwierige Zeit. Die Eltern hatten einige Probleme in ihrer Beziehung und haben in letzter Zeit viel gestritten. Obendrein hat ihre Teenagertochter Anorexie, die sich verschlimmert hat. Es wurde so schlimm, dass die Eltern sich zusammenraufen mussten, um ihre Tochter zu unterstützen: Sie kochen für sie, motivieren sie zum Essen, fahren sie zu ihrer Therapeutin und so weiter.
Eine Art, wie eine Psychotherapeutin die Lage betrachten könnte wäre, die individuelle Lage der Tochter zu betrachten: was die psychische Erkrankung verursacht haben könnte und was sie tun könnte, um gesund zu werden. Eine systemische Therapeutin wird wahrscheinlich eine andere Perspektive einnehmen. Ihre Hypothese könnte lauten: Die Krise der Tochter hat einen nicht-offensichtlichen Nutzen – Harmonie zwischen den Eltern. Solange ihre psychische Erkrankung schwer ist, streiten die Eltern nicht. Die Familie, ein komplexes System, hat Probleme, und diese manifestieren sich als psychische Erkrankung in der Tochter. Sie ist daher die Symptomträgerin dieses Systems.
In meinem Psychologiestudium bin ich auf viele interessante Dinge gestossen. Was mich wahrscheinlich am meisten fasziniert hat, ist die systemische Therapie. Es ist eine Therapieform, die Menschen immer in ihrem sozialen Kontext betrachtet – deshalb wird sie vor allem in der Familien- und Paartherapie eingesetzt. Sie hat ihre theoretischen Wurzeln in der Systemtheorie, einer Theorie, die Muster untersucht, die in allen Formen von Systemen auftreten, sei es in der Natur, Technologie, Kultur oder der sozialen Welt.
Als ich entdeckte, wie Systemtheorie auf menschliche Beziehungen angewendet werden kann, war ich hin und weg. Und menschliche Systeme werden durch Kommunikation aufgebaut und aufrechterhalten. Mit meinem Hintergrund in Journalismus und Kommunikation fühlte ich mich gleich zu Hause.
Zirkuläre Kausalität
Obwohl es verschiedene Ansätze zur Systemtheorie gibt, sind sich alle einig, dass ein System aus verschiedenen Teilen besteht, die durch ihre Funktion im System definiert werden – besonders in Beziehung zu den anderen Teilen. Erklärungen sind daher nicht kausal (A verursacht B), sondern zirkulär (A beeinflusst B, was dann A beeinflusst, was wiederum B beeinflusst, und so weiter).
Hier ist ein Beispiel, warum zirkuläre Kausalität nützlichere Erklärungen in Beziehungen liefern kann. Wenn ein Paar häufig streitet, bietet jeder Partner typischerweise eine lineare, schuldzuweisende Erklärung: “Er hilft nie im Haushalt” versus “Sie nörgelt immer an mir herum.” Eine systemische Sicht enthüllt das dahinterliegende zirkuläre Muster.
Dazu ein hypothetisches Szenario: Sarah lässt nach dem Abendessen Geschirr im Spülbecken stehen. Mike fühlt sich respektlos behandelt und sagt: “Du räumst nie auf.” Sarah, bereits erschöpft von der Arbeit, fühlt sich angegriffen: “Ich mache eine Menge hier!” Mike interpretiert ihre Abwehrhaltung als Geringschätzung und wird lauter: “Du hörst mir nicht einmal zu!” Das löst bei Sarah ein beklemmendes Gefühl aus (ihre Eltern haben sie angeschrien), also zieht sie sich zurück und verlässt den Raum. Mike fühlt sich jetzt ignoriert und schuldig, was ihn noch mehr verärgert.
Die zirkuläre Dynamik: Vernachlässigung löst Kritik aus, was zu Abwehrhaltung führt, was in lauteren Konflikt eskaliert, was Rückzug verursacht, was Groll aufbaut, was zukünftige Reaktionen stärker macht. Das Verhalten jeder Person ergibt aus ihrer Perspektive Sinn, aber zusammen haben sie eine sich selbst verstärkende Schleife erschaffen. Um dieses Muster zu durchbrechen, muss man den gesamten Zyklus betrachten, nicht nur einzelne Verhaltensweisen reparieren.
Nicht-triviale Systeme
Achtung, jetzt wird es ein bisschen nerdig: Die Theorie unterscheidet zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen. Ein Beispiel für ein triviales System ist eine Kaffeemaschine: Sie gibt mir jedes Mal einen Cappuccino, wenn ich den Cappuccino-Knopf drücke. Der Input-Output ist immer derselbe, er ist deterministisch. Nicht-triviale Systeme sind anders; sie haben innere Zustände – meist von der Vergangenheit geprägt – die den Output beeinflussen. Wenn du eine Person piekst statt einen Knopf, gibt es unzählige Arten, wie sie reagieren könnte; und eine Person wird nicht jedes Mal genau gleich reagieren.
Da wir die inneren Abläufe eines Systems von aussen nicht sehen (und auch nicht wirklich verstehen) können, ist systemische Psychologie auch ein Ansatz, der nicht moralisierend und wertend ist – und das spricht mich an. Dinge werden nicht als gut oder schlecht beschrieben, sondern als viabel oder nicht viabel für ein System. Gut-und-Schlecht-Urteile werden sehr schnell verzwickt, und das hier ist ein eleganter Weg, sich auf wichtigere Dinge zu konzentrieren.
Praktische Implikationen
Was bedeutet das nun für mich als Therapeuten, der mit nicht-trivialen Systemen arbeitet, seien es Einzelpersonen, Paare oder Familien? Es bedeutet, dass ich mir bewusst sein muss, dass ich sie nicht reparieren kann, wie ich eine Kaffeemaschine reparieren würde. Die Metapher, dass Menschen “eine Schraube locker haben” ist völlig daneben, denn sie legt nahe, dass man diese Schraube festziehen könnte und alles wäre wieder gut. Alles, was ich tun kann, ist Impulse zu geben, und das System wird darauf reagieren, wie es will – zu versuchen, ein vorhersehbares Ergebnis zu planen, ist in diesen Situationen sinnlos.
Wie könnte also eine systemische Therapeutin tatsächlich mit der Familie Berger arbeiten? Anstatt sich ausschliesslich auf die Essstörung der Tochter zu konzentrieren, könnte sie dem System eine sanfte “Irritation” geben – vielleicht die Eltern bitten, einen Abend pro Woche zusammen zu verbringen, ohne über die Gesundheit ihrer Tochter zu sprechen, oder der Familie vorschlagen, eine völlig neue Routine auszuprobieren, die ihre aktuellen Muster durchbricht. Die Therapeutin kann nicht genau vorhersagen, wie die Familie auf diese Interventionen reagieren wird, aber indem sie versteht, dass die Krankheit der Tochter eine Funktion bei der Aufrechterhaltung der elterlichen Harmonie erfüllt, kann sie mit dem ganzen System arbeiten, anstatt dagegen. Das Ziel ist nicht, Schuld zuzuweisen oder einzelne “kaputte Teile” zu reparieren, sondern diesem nicht-trivialen System zu helfen, neue Wege zu finden, Stabilität aufrechtzuerhalten – hoffentlich solche, die dazu führen, dass nicht ein Mitglied die ganzen Symptome des Familienstresses tragen muss.