Selbstoffenbarung, keine Aussage über die Wahrheit

Laut dem Psychologen Friedemann Schulz von Thun hat jede Nachricht vier Ebenen:

Eine Nachricht kann auf jeder dieser Ebenen wirken (oder auf mehreren gleichzeitig), ob sich die Senderin dessen bewusst ist oder nicht – und der Empfänger kann die Nachricht durch jede dieser Linsen interpretieren. Das macht es zu einem grossartigen Modell, um Missverständnisse zu erklären.

Ein Beispiel: “Das Fenster ist offen.” An der Oberfläche eine einfache Feststellung. Aber es steckt mehr darin. Selbstoffenbarung: Mir ist kalt. Beziehung: Du hast es zu lange offen gelassen. Appell: Mach das Fenster zu. Der Empfänger kann verschiedene Dinge hören, etwa “Ich habe das Recht, dir zu befehlen, das Fenster zu schliessen” (Beziehung), vielleicht hört er den Appell gar nicht erst, oder vielleicht gab es von Anfang an keinen Appell.

Ein Weg zu besseren Gesprächen

Für mich ist das Modell auch in einer anderen Art von Situation hilfreich: Wenn ich mit jemandem im Gespräch bin und wir nicht einer Meinung darüber sind, wie die Welt funktioniert. Bei solchen Aussagen liegt meist die Annahme nahe, dass wir auf der Sachebene kommunizieren. Aber während wir denken, wir führen eine rationale Diskussion über die Wahrheit, übersehen wir oft komplett, was eigentlich kommuniziert wird. Vielleicht geht es bei einer Aussage über die Risiken von Impfungen gar nicht wirklich um Statistiken – sondern viel mehr um den Ausdruck tiefer Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder.

Anstatt mich also auf die Sachebene zu konzentrieren, denke ich meistens darüber nach, was die Person mit einer Aussage über sich selbst offenbart. Das hilft auf zwei Arten: Es hilft, frustrierende und sinnlose Diskussionen zu vermeiden, bei denen beide Seiten einfach nur auf ihrer Position beharren. Und es hilft mir, mit einer viel wohlwollenderen Sicht auf jemanden aus dem Gespräch zu gehen. Statt eines sturköpfigen Dickschädels sehe ich einen Menschen, der sich um seine Liebsten sorgt.

Mit diesem Ansatz gibt es so viele interessante Wege, die das Gespräch nehmen kann, bei denen es nicht um die Debatte von Fakten geht. Sie beginnen mit Fragen wie: “Es scheint mir, [dieser Wert] ist dir wirklich wichtig” oder “Ich sehe, dass dich das aufwühlt, hast du schlechte Erfahrungen mit [x] gemacht?”

Bonusübung für die Neugierigen: Frag dich selbst, warum eine bestimmte Aussage bei dir eine starke Reaktion auslöst – was offenbart das über dich?