Wellen und Wogen
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Lieber Unbekannter
Du wirst das hier nicht lesen, und du würdest dich auch nicht an unsere Begegnung erinnern. Es war vor etwa 20 Jahren im Berner Bahnhof. Spät am Abend wollte ich mir ein paar Snacks kaufen. Nachdem die Kassiererin die getrockneten Früchte und das Mineralwasser gescannt hatte (okay, es waren wahrscheinlich M&M’s und eine Vanilla Coke), merkte ich, dass ich kein Geld dabei hatte. Verlegen griff ich nach meinen Sachen, um sie zurückzulegen.
Aber dann sagtest du, als du hinter mir in der Schlange standest: “Ist okay, das geht auf mich. Mach einfach irgendwann dasselbe für jemand anderen.”
Ich bedankte mich und versprach es dir.
Du hast es sicher ernst gemeint, aber du kannst unmöglich wissen, was deine Worte in dieser Nacht ausgelöst haben. Sie haben einen so starken Eindruck auf mein Teenager-Ich gemacht, dass ich heute noch emotional werde, wenn ich daran denke. Ich weiss, wir reden hier über ein Päckli M&M’s, aber du hast etwas viel Grösseres berührt. Bis dahin war mir nie in den Sinn gekommen, dass man etwas auch vorwärts-zahlen kann, anstatt es zurückzuzahlen.
Ich hielt mein Versprechen und half Menschen in ähnlichen Situationen. Aber ich war so fasziniert von der Idee, dass ich weiter gehen wollte. Ich versuche, Fremden gegenüber hilfsbereit und entgegenkommend zu sein, wann immer ich kann – weil ich weiss, dass die Chance besteht, dass sie es auf irgendeine Weise weitergeben werden.
Ich frage mich, wo es angefangen hat. Wer hat etwas Nettes für dich getan, lieber Unbekannter, dass du es weitergeben wolltest? Ich stelle mir gerne vor, dass deine Handlungen, meine und die von all den anderen, die wir für unsere Sache gewinnen, kleine Wellen sind, die sich durch die Gesellschaft bewegen und zu grossen Wellen, zu Wogen, werden. Eine Person kann nichts bewegen? Von wegen!
Ich habe an dich gedacht, lieber Unbekannter. In Momenten des Zweifels frage ich mich: Warum mache ich das? Warum veröffentliche ich jede Woche einen Artikel auf meinem Blog? Die Antwort, die ich fand, war: um es weiterzugeben!
Ideen haben die Kraft, Leben zu verändern. Sie helfen uns, Dinge zu tun oder zu schaffen, die unmöglich schienen. Sie lassen uns die Welt auf eine andere Weise sehen. Sie geben uns die innere Freude, etwas zu lernen.
Alles, was ich schreibe, wurde von jemandem inspiriert, der wiederum von jemandem davor inspiriert wurde. Ich versuche, etwas von mir hinzuzufügen, aber im Grunde tue ich nichts weiter, als eine Idee weiterzugeben. Wellen und Wogen.
Lieber Unbekannter, du wirst das hier nicht lesen, und du würdest dich auch nicht an unsere Begegnung erinnern. Trotzdem möchte ich sagen: Danke!